Ihr Schachverein in Müllheim (Baden)

Ansprechpartner
Joachim Lischka Tel. 07621 1685703

Menu
K
P
J'adoube - oder wie würden Sie entscheiden?

In der 7. Runde der Saison kam es in der B-Klasse im Rahmen des Mannschaftskampfes des SV Weiß gegen den SC Schwarz an Brett 3 zu der Begegnung zwischen dem SF A (vom SV Weiß) und dem SF B (vom SC Schwarz).

Nach knapp 3 Stunden Spielzeit fühlte sich der Spieler A in seiner Konzentration beeinträchtigt, nachdem zum einen einer seiner Mannschaftskameraden wiederholt irrtümlicherweise eine falsche Uhr gedrückt hatte, was in der Folge zu lautem Wortwechseln geführt hatte, als auch der allgemeine Geräuschpegel insbesondere „dank“ solcher Spieler, die ihre Partie bereits beendet hatten, zunahm. Nach eigenen Angaben war der Spieler sehr nervös geworden, als die Partie ihre kritischste Phase erreicht hatte.

Im 27. Zug erkannte der Spieler A, selbst unter Druck stehend, die Chance zu einem chancenreichen Figurenopfer. Er selbst hatte zu diesem Zeitpunkt noch eine Restbedenkzeit von 56 Minuten, während es bei seinem Gegner nur noch 11 Minuten waren. Zugleich bot der Spieler A Remis an. Der Spieler B setzte die Partie nach kurzem Nachdenken mit der Annahme des Opfers fort. In der weiteren Folge gelangte SF A zu einer Gewinnstellung. Im 31. Zug winkte ihm ein dreizügiges Matt, welches zunächst mit einem Damenschach (De3–Dh3+) einzuleiten war. Der SF A ergriff in dieser Situation seinen Läufer (auf d5), hob diesen vom Brett, machte mit diesem eine reflexhafte Bewegung nach h3, stellte ihn wieder ab und wollte sodann den gewinnbringenden Damenzug ausführen. SF B bestand darauf, dass SF A einen Läuferzug ausführt. Dieser weigerte sich seinen Läufer zu ziehen und wies seinerseits SF B darauf hin, dass er „j'adoube“ (Ich korrigiere, Ich setze zurecht, (eng.) I adjust) gesagt habe. SF B hielt daraufhin die Uhr an und verständigte den Schiedsrichter (Mannschaftsführer von SV Weiß). Dieser machte sich ein Bild von der Situation und erörterte die vorgefundene Sachlage mit den beiden unmittelbar beteiligten Spielern A und B sowie einem Zuschauer, der nachdem er seine Partie bereits beendet hatte, in der kritischen Situation auch am Brett der Spieler stand.

SF B erklärte dem Schiedsrichter, dass der Spieler A seinen Läufer angefasst und vom Brett gehoben habe und sich nun weigere ihn auch zu ziehen. Der SF A bestätigte, dass er den Läufer in die Hand und vom Brett genommen hatte, wies aber den Schiedsrichter seinerseits darauf hin, dass er zuvor „j'adoube“ gesagt habe. Der Schiedsrichter erkundigte sich sowohl bei dem Spieler B, als auch dem Zuschauer, der die Situation am Brett mitverfolgt hatte. Keiner von beiden hatte nach eigenen Angaben eine entsprechende „j'adoube“-Ansage des Spielers A vernommen. Der Schiedsrichter forderte daraufhin den Spieler A auf den Läufer zu ziehen und wertete, nachdem dieser sich abschließend weigerte einen Läuferzug zu machen, die Partie als für den Spieler B gewonnen.

Der Mannschaftskampf, welcher ohne Relevanz für Auf- oder Abstiegsfragen in der Staffel blieb, endete schließlich 4:4.

Gegen diese Wertung hat der SV Weiß zunächst Einspruch eingelegt, welcher vom Turnierleiter der Kreisklasse zurückgewiesen wurde. Der daraufhin frist- und formgerecht erhobene Widerspruch wurde durch die Widerspruchsstelle des Schachverbandes mit dem Entscheidungs-Schreiben zurückgewiesen.

Hiergegen richtet sich der Protest des SV Weiß vor dem Turniergericht, mit welchem er sein Begehren, die Partie als für den Spieler A gewonnen und den Mannschaftskampf demgemäß als mit 5:3 für den SV Weiß gewonnen zu werten, weiterverfolgt.

Der Antragsteller ist insbesondere der Auffassung, der Schiedsrichter habe die Partie zu Unrecht zugunsten des Spielers B als gewonnen erachtet. Da der Spieler B bevor er den Läufer ergriff „j'adoube“ gesagt habe, läge gerade nicht ein Fall von 4.3 sondern vielmehr ein solcher von 4.2 der FIDE-Regeln vor. Da letztlich der Sachverhalt nicht mehr weiter aufgeklärt werden könne, stünde Aussage gegen Aussage, so dass der Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“ zu gelten habe. Dies sei vom Schiedsrichter und ihm nachfolgend auch vom Turnierleiter und der Widerspruchsstelle verkannt worden. Auch sei zu bemängeln, dass der Schiedsrichter seine Entscheidung getroffen habe, während die Uhr noch angehalten gewesen sei.

Zudem rügt der Antragsteller formale Mängel der Vorentscheidungen. So sei durch den Turnierleiter bei der Entscheidung über den Widerspruch die Frist nicht eingehalten worden. Ferner sei davon auszugehen, dass der Turnierleiter vor seiner Entscheidung bereits mit der Widerspruchsstelle über die Sache gesprochen habe, so dass dieser anschließend nicht mehr unbefangen gewesen sei. Zumindest sei dadurch keine echte „zweistufige Vorprüfung“ vor Anrufung des Turniergerichts erfolgt.

Das Turniergericht hat im Rahmen der mündlichen Verhandlung über den Protest, in welcher die Interessen des Antragstellers durch die Schachfreunde des SV Weiß, der Badische Schachverband durch den Turnierleiter und den Leiter der Widerspruchsstelle und der beigeladene SC Schwarz durch den Vorstand vertreten wurden, als zum gegenständlichen Lebenssachverhalt den SF A und den Schiedsrichter angehört.

II.

Der Protest ist zulässig. Die Anrufung des Turniergerichts ist gemäß der Satzung des Antragsgegners statthaft, insbesondere auch form- und fristgerecht erfolgt.

Der Protest ist jedoch unbegründet. Die Entscheidung des Leiters der Widerspruchstelle mit welcher er die Entscheidung des Turnierleiters bestätigt, ist nach Auffassung des Turniergerichts so wenig zu beanstanden, wie die ihr letztlich zugrunde liegende Entscheidung des Schiedsrichters, um welche es inhaltlich geht.

Der Schiedsrichter hat die Partie völlig zu Recht als für den Spieler B gewonnen erachtet, nachdem der Spieler A sich abschließend geweigert hatte, die Partie mit einem Läuferzug fortzusetzen. Dabei ist es völlig unerheblich, ob die Uhr wieder in Gang gesetzt wurde, um den Ablauf der Bedenkzeit des Spielers A abzuwarten. Da sich der Spieler verbindlich weigerte, die Partie regelkonform fortzusetzen, konnte so wie geschehen verfahren werden.

Einzig entscheidend ist vielmehr allein die Frage, ob der Spieler A tatsächlich verpflichtet war, seinen Läufer zu ziehen. Diese Frage ist, entgegen der Auffassung des Antragstellers, schlicht mit „ja“ zu beantworten. Weder ist der SF A ein „Angeklagter“ dieses Verfahrens noch streitet der Zweifelsgrundsatz für ihn. Es geht nicht um die Prüfung und etwaige Durchsetzung eines autoritären Strafanspruches, sondern um die Entscheidung, welcher der beiden Spieler, der SF B oder der SF A, eine Schachpartie gewonnen hat. Der Antragsteller verkennt schlicht die Bedeutung der Darlegungs- und Beweislastverteilung vor dem Hintergrund des Regel-Ausnahmeverhältnisses von 4.3 und 4.2 der FIDE-Regeln.

Grundsätzlich hat ein Spieler, der eine Figur ergreift und sie vom Brett hebt, diese auch zu ziehen. Dies ist der Grundsatz und der in Ziffer 4.3 definierte Regelfall (vgl. den Wortlaut: „den Fall von Art. 4.2 ausgenommen“).

Nur im Ausnahmefall nach 4.2 der FIDE-Regeln gilt etwas anderes. Die Voraussetzungen für das behauptete Vorliegen dieser Ausnahme waren für den Schiedsrichter jedoch gerade nicht feststellbar (und sind es im Übrigen auch bis heute nicht). Zwar behauptete der Spieler A „j'adoube“ gesagt zu haben, unstreitig vermochte dies aber niemand zu bestätigen. Der Schiedsrichter befragte hierzu sowohl den Gegner, an den die Ansage zu richten war, als auch einen weiteren Zuschauer, der an dem Brett gestanden und das Geschehen verfolgt hatte. Beide gaben an, keine „j'adoube“ Ansage vernommen zu haben. Der Spieler A vermochte auch keine Person zu benennen, die seine behauptete Ansage gehört hätte. Da aber nun das Vorliegen der Ausnahme nach Artikel 4.2 der FIDE-Regeln nicht feststellbar war (und ist), musste der Schiedsrichter im Hinblick auf den Umstand, dass der Spieler A unstreitig seinen Läufer in die Hand und vom Brett genommen hatte, vom Regelfall des Artikel 4.3 der FIDE-Regeln ausgehen, und darauf bestehen, dass der Spieler A den Läufer auch ziehen möge.

Nach Auffassung des Turniergerichts setzt die „Bekanntgabe“ der Absicht eine Figur nur zurechtrücken zu wollen, auch die Vernehmbarkeit der Ansage, in erster Linie durch denjenigen für den sie bestimmt ist, d. h. den Gegner voraus. Wenn demgegenüber die bloße Behauptung eines Spielers „j'adoube“ gesagt zu haben, ausreichen würde, um Artikel 4.3 außer Kraft zu setzen, wären Missbrauchsmöglichkeiten Tür und Tor geöffnet. Der Regelfall drohte zur praktischen Ausnahme zu werden. Der von Artikel 4.3 bezweckte Schutz wäre nicht zu gewährleisten, die Norm wäre faktisch entwertet.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: das Turniergericht bezichtigt den Spieler A keineswegs der Lüge. Es vermag sich genau genommen sogar nur schwerlich vorzustellen, dass der Spieler „so ein Fass aufmachen würde“, wenn er die Ansage (wie leise oder laut auch immer) nicht tatsächlich getätigt hätte. Es kommt aber nicht darauf an, ob das Turniergericht dem Spieler Glauben schenken möchte oder nicht, sondern ob der Schiedsrichter einen hinreichenden Anlass hatte, vom Ausnahmefall des Artikels 4.2 statt vom Regelfall des 4.3 auszugehen. Genau solches ist aber nicht der Fall.

Soweit von Seiten des Antragstellers etwaige Formfehler gerügt werden, vermag auch dies seinem Protest nicht zum Erfolg zu verhelfen. Die Überschreitung der Bescheidungsfrist durch den Turnierleiter ist zwar sicherlich bedauerlich und sollte künftig vermieden werden, indem der Einspruchsführer z. B. zuvor über eine sich abzeichnende Verzögerung in Kenntnis gesetzt wird. Die „Verletzung“ dieser bloßen „Sollvorschrift“, vermag dem Antragsteller aber im Ergebnis nicht weiter zu helfen. Es ist – mit Verlaub – auch in keiner Weise nachvollziehbar, warum eine Überschreitung der Bescheidungsfrist um 2 Tage durch den Schachverband zu Lasten der SC Schwarz oder auch des Spielers B gehen sollte. Mit welchem Recht sollten diese für die Fristüberschreitung des Turnierleiters belangt werden (dürfen)?!

Entsprechendes gilt auch für den Fall, dass der Turnierleiter sich vor seiner Entscheidung mit dem Landesspielleiter ins Benehmen gesetzt hat. Auch dies kann nicht zu der von dem Antragsteller verfolgten Rechtsfolge einer Wertung der Partie zugunsten des Schachfreundes A und des Mannschaftskampfes zugunsten seines Vereins (ver)führen. Etwaige Formfehler im Rahmen des Ein- und Widerspruchsverfahrens gehen weder zu Lasten des beigeladenen Vereins, der auf solche überhaupt keinen Einfluss hatte, noch vermögen sie etwas an der – vorliegend einzig entscheidenden – Rechtmäßigkeit der Entscheidung des Schiedsrichters zu ändern.

Im Hinblick auf die Erfolglosigkeit des Antrages kommt eine Erstattung der Protestgebühr vorliegend nicht in Betracht.

Schiedsrichter - ein "Wichser", der Verein ein "Drecksverein"

Nachdem es bei dem Mannschaftskampf in der Bereichsliga zwischen Weiße Dame und Schwarzer König im März des Jahres 2015 zu sehr unschönen Szenen gekommen war - der Spieler S beschimpfte den Schiedsrichter als "Wichser" und Weiße Dame als "Drecksverein" - verhängte das Präsidium Schachverbandes nach Kenntnisnahme von den verbalen Entgleisungen gegen den Spieler S gestützt auf die Satzung eine Spielsperre für alle BSV-Turniere bis zum 31.12.2015. Da diese Entscheidung den Schachfreunden von Schwarzer König als zu "hart" erschien, riefen diese schließlich das Schiedsgericht an, vor welchem der Streitfall im Mai verhandelt wurde.

Der Schiedsrichter hatte das Mannschaftsspiel abgebrochen; der Turnierleiter verfügte ein Wiederholungsspiel ohne den Spieler S.

Das Schiedsgericht wies einleitend darauf hin, dass er einerseits die unverzügliche Entschuldigung des Vereins Schwarzer König beim Schiedsrichter wie auch dem Verein "Weiße Dame" ausdrücklich begrüßt, zugleich aber auch das Ausbleiben einer persönlichen Entschuldigung des Spielers S für sein Fehlverhalten bedauert.

Ferner bestand Einigkeit, dass es nicht nur das selbstverständliche Recht, sondern sogar die Pflicht des Verbandes ist, seine ehrenamtlich tätigen Mannschaftsführer als Schiedsrichter vor Angriffen jeglicher Art - seien sie verbal beleidigender oder gar körperlicher Natur - zu schützen, so dass tatsächlich eine empfindliche Strafe angezeigt schien. Auch sieht es das Schiedsgericht nicht als seine Aufgabe an, die Autorität des Präsidiums zu untergraben, indem es grundsätzlich die Auffassung des Präsidiums von einer angemessenen Strafe durch seine eigene ersetzt. Sofern das Präsidium in nicht zu beanstandender Weise von seinem Ermessen Gebrauch gemacht hat, ist das Ergebnis im Regelfall auch vom Schiedsgericht hinzunehmen. Lediglich wenn - was vorliegend nicht der Fall war - die Ermessensentscheidung auf sachfremden Erwägungen beruht oder die Grenzen der Verhältnismäßigkeit nicht mehr gewahrt scheinen, hat es einzugreifen.

Vorliegend erschien es beachtlich, dass es sich bei SF S insoweit um einen "Ersttäter" handelte, als dass gegen ihn bislang in der Vergangenheit noch keine Sanktionen verhängt worden waren.

Vor diesem Hintergrund erlaubte sich das Schiedsgericht dem Protestführer und dem Schachverband eine Reduzierung der Spielsperre bei gleichzeitiger Aussetzung des Strafrestes zur Bewährung nebst Erstattung der hälftigen Protestgebühr vorzuschlagen.

Schließlich kam es zwischen dem Schachverband und dem Protestführer zur folgenden sachgerechten und sportlichen Einigung "auf Augenhöhe":
Gegen den Spieler S wird eine Spielsperre bis zum 26. September 2015 (einschließlich) verhängt (wobei die Parteien sich jedoch einig sind, dass der Spieler auch im Fall einer etwaigen [Vor-]Verlegung der Blitzmannschaftsmeisterschaften für diese melde- und spielberechtigt sein soll).

Die Reststrafe von 3 Monaten und 3 Tagen wird für die Dauer von 2 Jahren zur Bewährung ausgesetzt. Sollte der Spieler während dieser Zeit keinen Anlass bieten, die Aussetzung zu widerrufen, erlischt sie mit dem 26. September 2017. Andernfalls, d. h. im Fall eines erneuten ahndungswürdigen Fehlverhaltens vor Ablauf der Bewährungszeit, wird die Aussetzung widerrufen und die zu verhängende neue Sanktion, um den Strafrest verschärft.

Die Protestgebühr wird den SF Schwarzer König zur Hälfte erstattet.

Sollte nun beim geneigten Leser der Eindruck entstanden sein, dass durch die Einigung der Parteien etwas Vernünftigeres herauskam, als wenn das Schiedsgericht den Streitfall entschieden hätte, so soll dem von hier aus nicht entgegengetreten werden.

Der Anspruch auf Remis als Streitfall

Achtung, die unten genannte Fide-Regel in Art. 10 ist veraltet. Es gilt jetzt Artikel 5 und Anhang G der Fide-Regeln.

Schiedsspruch

In der Protestsache

SF
-Protestführer –

Beteiligte:

hat das Bezirksschiedsgericht durch die Beisitzer Heinz Mück, Gerd Bofinger, sowie den Vorsitzenden Harald Baiker am 3.1.2011 folgenden Schiedsspruch gefällt:
 

  1. Der Protest gegen die Entscheidung der Bezirkspielleitung vom 15.11.2010 zur Spielwertung des am 31.10.2010 in der Bezirksliga West zwischen dem Protestführer und SF erfolgten Schachpartie am Brett des Mannschaftskampfs wird als unzulässig zurückgewiesen.
  2. Protestgebühren werden nicht erhoben.
     

Begründung
I. Sachverhalt
Am 31.10.2010 fand in der 3. Runde der Bezirksliga West der Mannschaftskampf zwischen der SAbt. gegen den SV statt. In der Partie am 3. Brett hielt für den SV spielende Protestführer (im folgenden abgekürzt: PF ) 11 Sekunden vor dem Ende seiner restlichen Bedenkzeit im 76. Zug als Anziehender die Schachuhr an, rief den Schiedsrichter – den Mannschaftsführer der Heimmannschaft - herbei und reklamierte Remis. Der Schiedsrichter SF lehnte den Antrag ab und entschied auf Weiterspielen. Der Gegner SF und der PF machten anschließend noch je einen Zug, wonach anschließend beim PF das Fallblättchen fiel. Der Mannschaftsführer der Heimmannschaft wertete im Ergebnisdienst an den Verband und in der Spielberichtskarte das Spiel am 3. Brett für den PF als verloren bzw. für den SF als gewonnen.

Auf der Grundlage dieser Wertung endete der Mannschaftskampf mit 5 : 3 Brettpunkten für die SAbt.

Der PF legte die Wertung seiner Schachpartie mit dem Ziel, eine Wertung der Partie als Remis zu erreichen , Einspruch ein, den der Bezirkspielleiter durch Bescheid per E-Mail vom 15.11.2010 zurückwies. Hiergegen legte der PF fristgerecht Protest zum BSG Ostalb ein.

Den Beteiligten wurde Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben.

Auf die eingereichten Schreiben und E-Mails des PF vom 19.11., 22.11.2010 und 1.12.2010 , des SV vom 29.11.2010, das Fax des SAbt. vom 6.12.2010, der Bezirkspielleitung vom 15.11.2010 sowie den Notationszettel zum Verlauf der Schachpartie kann Bezug genommen werden.

Zwar hat der Ausgang dieses Schiedsverfahrens keine Auswirkung auf das Mannschaftsergebnis, also den Sieg der SAbt. gegen den SV . Da die mögliche Verschiebung der erzielten Brettpunkte, im Fall eines Schiedsspruch zugunsten des PF, unter Umständen, die Frage des Auf- oder Abstiegs tangieren könnte, sind die beiden Vereine zu beteiligen.
II. Entscheidungsgründe

Der Protest ist unzulässig.

Nach der Vorschrift des Art 10.2 Fide-Regeln kann ein Spieler, der am Zuge ist, und weniger als 2 Minuten Restbedenkzeit hat, die Schachuhr anhalten und den Schiedsrichter herbeirufen und „Remis“ reklamieren. Der Schiedsrichter hat anschließend drei verschiedene alternative Möglichkeiten auf diesen Antrag zu reagieren:

  1. Er kann die Partie für remis erklären, wenn der Gegner keine Anstrengungen unternimmt, die Partie mit normalen Mitteln zu gewinnen, oder dass die Partie mit normalen Mitteln überhaupt nicht zu gewinnen ist (Art 10.2 a Satz 1 Fide –Regeln)
  2. Er kann seine Entscheidung hinausschieben und dem Gegner 2 zusätzliche Minuten Bedenkzeit zusprechen und die Partie dann fortsetzen lassen (Art 10.2 a Satz 2 1.Altern. Fide-Regeln). Nachdem das Fallblättchen gefallen ist, bestimmt der Schiedsrichter das Spielergebnis. Er muss die Partie für remis erklären, falls er zur Überzeugung gekommen ist, dass die Endstellung mit normalen Mitteln überhaupt nicht zu gewinnen ist oder der Gegner keine genügenden Anstrengungen unternommen hat, die Partie mit normalen Mitteln zu gewinnen (Art 10.2 b Satz 2 und Satz 3 Fide-Regeln)
  3. Er kann den Antrag ablehnen ( Art. 10.2 a Satz 2 2.Altern. Fide-Regeln ).

Die Mitglieder des BSG in der oben genannten Besetzung haben anhand des Notationszettels die streitige Schachpartie nachgespielt. Hiernach und auch nach den einschlägigen Schachprogrammen ist, sowohl in der reklamierten Stellung im 76. Zug:

Weiss: K a4, Lf7
Schwarz : Ba3, Kb2, Se1,

als auch in der Endstellung im 77. Zug:

Weiss: Ka4, Lg8
Schwarz: Ba3, Kb2, Sd3

von einer Remisstellung auszugehen ((http://shrederchess.de/online-schach-datenbanken/endspiel-datenbank.html).

Wenn der Anziehende entweder mit seinem König zwischen a4 und b4 bzw. mit seinem Läufer zwischen g8 und f7 pendelt, ist nicht zu erkennen, wie der Nachziehende gewinnen könnte.

Nur wenn der Anziehende auf ein mögliches Springer-Schach von Sd3 – Sc5 + durch einen groben Fehlzug mit dem König die 4. Reihe verlässt (wodurch die Wendung Sc5-Sb3 und damit die Verdeckung der Läuferdiagonale g8-a2 möglich wird), ist eine Gewinnmöglichkeit gegeben.

Angesichts der DWZ-Zahl des PF (1522) und der geringen Auswahl von Zugfolgen, geht das BSG nicht davon aus, dass dem PF ein derartiger Patzer unterlaufen wäre. Zudem hat der PF nach seinen Angaben in der Protestbegründung, diese von ihm vorgesehene weitere Zugfolge nach der Partie dem Schiedsrichter erläutert und hierauf auch in seiner Einspruchsschrift an den Bezirksspielleiter hingewiesen.

Es gab daher für Schwarz keine Gewinnmöglichkeit unter „normalen Mitteln“ im Sinne des Art 10.2. Fide-Regeln. Der Wortlaut der Vorschrift bezieht sich erkennbar auf „eigene normale Mittel“ und schließt damit auch aus, dass damit die Hoffnung auf grobe Fehlzüge des Gegners mit umfasst sein soll.

Wenn der Schiedsrichter im Zeitpunkt der Reklamation nicht sicher von einer Gewinnmöglichkeit mit normalen Mitteln ausgehen kann, andererseits auch nicht sicher von einer Remisstellung ausgeht, muss er seine Entscheidung nach der o. g. Vorschrift hinausschieben und dann, gegebenenfalls nach Beendigung der Partie (in Ruhe) seine endgültige Entscheidung vornehmen.

Die vorliegende Entscheidung des Schiedsrichters, der den Wettkampf nach den Fide-Regeln zu leiten hat (§ 4 Ziff. 3 WTO des SVW i.d. Fassung vom 27.6.2009), den Antrag des PF abzulehnen und weiterspielen zu lassen, war objektiv falsch, da nach den obigen Ausführungen eine Gewinnmöglichkeit des Nachziehenden mit normalen Mitteln eindeutig nicht mehr bestand. Die (einzig) richtige Entscheidung wäre gewesen, der Remis-Reklamierung statttzugeben oder die Entscheidung aufzuschieben und weiterspielen zu lassen.
 

Dennoch ist das BSG der Auffassung, dass der Protest aus nachfolgenden Gründen unzulässig ist:
Nach der Vorschrift des Art 10.2 d der Fide-Regeln sind sämtliche Entscheidungen, die ein Schiedsrichter nach Art 10.2. a-c Fide-Regeln trifft, endgültig. Hieraus ist für das BSG unmissverständlich abzuleiten, dass derartige Schiedsrichterentscheidungen nicht anfechtbar, also im Rahmen eines schiedsgerichtlichen Verfahrens, nicht angreifbar sind, auch wenn die Entscheidung des Schiedsrichters sich nachträglich als unzutreffend herausstellt.

Bei einer Tatsachenentscheidung, wie im vorliegenden Fall handelt es sich um einen Regelbestandteil vieler Sportarten. Um das Regelwerk verschiedenster Sportarten praktisch anwenden zu können, ist es notwendig, dass Entscheidungen von Schiedsrichtern sofort wirksam werden, ohne dass ein Wettkampfteilnehmer dagegen Einspruch einlegen kann. Auf die entsprechenden Regelwerke im Fußball, Handball, Eiskunstlauf, Fechten, usw. kann verwiesen werden. Diese Regelungen dienen dazu, einen kontinuierlichen Spielbetrieb aufrecht zu erhalten. Es sei nur auf die seit Jahren bestehende Diskussion im Fußballbereich zur (nach wie vor von der Mehrheit abgelehnten) Einführung des Video-Beweises, hingewiesen, wenn fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen beklagt werden.

Es ist festzuhalten, dass ein Tatsachenentscheid eines Schiedsrichters regelmäßig eine subjektive Interpretation des Spielstands darstellt und deshalb von den Vereinen bzw. den einzelnen Mitgliedern nicht angefochten werden kann, insbesondere, wenn dem Schiedsrichter, wie hier, mit drei verschiedenen Entscheidungsmöglichkeiten nach Art 10.2 a-c Fide-Regeln, ein persönlicher Ermessensspielraum zum Spielstand einer Schachpartie zusteht.

Auch fehlerhafte auf unzutreffender Regelanwendung beruhende Schiedsrichterentscheidungen in der Endspurtphase des Art 10.2 Fide-Regeln sind daher nicht anfechtbar. Dies gilt auch für Entscheidungen unterhalb der Schachoberliga, wenn der gastgebende Verein den Schiedsrichter stellt (§ 4 Ziff. 2 WTO). Hieraus ist, entgegen der Auffassung des SV Schorndorf, nicht zu unterstellen, dass dieser Schiedsrichter in seinem Handeln immer parteilich , befangen und einseitig ist und ,abweichend von den Vorschriften der Fide und der WTO , seine Entscheidungen regelmäßig und vorsätzlich zugunsten seiner Heimmannschaft trifft.

Die Grenze der Akzeptanz selbst grober Fehleinschätzungen eines Schiedsrichters nach dieser Vorschrift des Art 10 Ziff. 2 a-c Fide-Regeln dürfte lediglich im Willkürbereich anzusiedeln sein, also bei offensichtlichem und absichtlichem , durch keinen Anhaltspunkt gerechtfertigten einseitigen Verhaltens bzw. Regelauslegung des Schiedsrichters zugunsten seines Heimvereins.

Ein derartiger Fall sieht das BSG nicht als gegeben an. Der Schiedsrichter hat hier in einer hochemotionellen Schlussphase eine spontan von ihm geforderte Abschätzung der Partie angestellt und sich offenbar von dem Gedanken leiten lassen, dass, mit einem Bauer auf dem Spielfeld und mit dem ,gegenüber dem weißen Läufer, beweglicheren, schwarzen Springer, noch eine Gewinnmöglichkeit bestehe. Für ein vorsätzliches grob unsportliches Verhalten des Schiedsrichters sind keine Anhaltspunkte vorhanden. Die schriftliche Erklärung des Schiedsrichters (undatiert), eingegangen per Fax am 6.12.2010 und das E-Mail vom 5.11.2010 an den Bezirkspielleiter lässt den Schluss zu, dass der Schiedsrichter dieser Fehleinschätzung der Partiestellung unterlegen ist oder ihm die weitere Möglichkeit nach den zitierten Fide-Regeln, statt auf Remis zu entscheiden oder den Antrag abzulehnen, seine Entscheidung aufschieben zu können, um später zu entscheiden, nicht bekannt oder nicht bewusst war.

Da mangels Anfechtbarkeit der Schiedsrichterentscheidung eine Korrektur des Spielergebnisses nicht gegeben ist, verbleibt es beim Sieg des SF , da der PF innerhalb der ihm zur Verfügung stehenden Bedenkzeit von 3 Stunden nicht alle Züge ausgeführt hat, die für den Gewinn der Partie nach Art 1.2 der Fide-Regeln („Matt“) oder für ein Remis nach Art 1.3 oder für eine Stellung nach Art 6.9 Satz 2 Fide-Regeln erforderlich sind.

Kostenentscheidung
Das BSG hat über die Kosten des Protests nach billigem Ermessen zu entscheiden, wobei grundsätzlich bei Zurückweisung des Protests der PF die Kosten des Verfahrens zu tragen hat. Aufgrund der genannten Besonderheiten dieses Protestfalls, insbesondere der grundsätzlich nicht gegebenen Anfechtungsmöglichkeit derartiger Schiedsrichterentscheidung, auch bei objektiv unzutreffenden Schiedsrichterentscheidungen, vertritt das BSG die Auffassung, dass ausnahmsweise der PF nicht mit Verfahrenskosten belastet werden sollte. Im Fall der Rechtskraft dieser Entscheidung ist daher die Protestgebühr aus der Bezirkskasse an den PF zurück zu erstatten.

Rechtsmittelbelehrung
Gegen diesen Schiedsspruch ist für die Verfahrensbeteiligten das Rechtsmittel der Berufung möglich, die innerhalb von 10 Tagen nach Zugang des Schiedsspruchs in dreifacher Fertigung beim Vorsitzenden des Verbandsschiedsgerichts Prof. Dr. Dr. Rolf Gutmann, Zeppelinstr. 6, 73614 Schorndorf, eingegangen sein muss.

Was tun, wenn sich beide Spieler in die Haare kriegen?

Grundsätzlich ist es die Aufgabe des Schiedsrichters, für korrekte Spielbedingungen für alle zu sorgen. Dem trägt FIDE Artikel 11.8 Rechnung, der ausdrücklich vorsieht, beide zu bestrafen. Der Schiedsrichter muß sich also keinerlei Gedanken darüber machen, von wem die Provokation ursprünglich ausging. Für beide wird das Spiel ggf. für verloren erklärt.

Was tun, wenn (nur) der Gegner aus der Rolle fällt?

Zunächst: Ruhig bleiben! Wie aus der vorigen Antwort hervorgeht, berechtigt ein Fehlverhalten des Gegners nicht dazu, andere zu stören. Dann: Uhr anhalten und Schiedsrichter holen. Falls der nicht angemessen einschreitet, wird man einen Protest riskieren müssen. D. h. Partie abbrechen und auch das Partieformular nicht unterschreiben.

Kann man Partien unter Protest weiterspielen?

Dazu fehlt es an einem Präzedenzfall, aber ich würde es verneinen. Zunächst einmal sind die Spielbedingungen nunmehr sowieso irregulär – wer kann sich schon richtig konzentrieren, wenn die Gültigkeit des Resultats fragwürdig ist? Wenn die Verhältnisse noch prinzipiell zumutbar sind, wird man Schiedsrichterentscheidungen als Tatsachenentscheidungen akzeptieren müssen; und wenn nicht, muß man sowieso aufhören.

Was ist eine Störung?

Hier ist es wichtig zu bemerken, daß nicht etwa alles erlaubt ist, was nicht explizit verboten wurde, sondern genau umgekehrt: Es ist alles verboten, was stört und nicht situativ angemessen bzw. unumgänglich ist (FIDE 11.5). Hier ist dem Schiedrichter ein weites Ermessen an die Hand gegeben, den sozialen Kontext zu beobachten und zu bewerten. Das legt ihm einerseits die Verantwortung auf, dies nicht auszunutzen, denn damit würde er letztlich selbst zum Störer. Es gibt ihm aber sehr wohl Mittel an die Hand, gegen Schachfreunde vorzugehen, die sich auffällig verhalten, ohne unmittelbar gegen kodifiziertes Recht zu verstoßen. Auffällig und Turnierruhe – das verträgt sich nicht und kann bzw. sollte unterbunden werden.

Nach FIDE 11.6 wird andauernde Weigerung, sich an die Regeln zu halten, mit Partieverlust bestraft. Das bedeutet, auch "kleine" Grenzverletzungen können diese Sanktion nach sich ziehen, wenn sie nicht singulär auftreten. Bietet z. B. jemand zum zweiten Mal Remis auf des Gegners Zeit, muß man sicherlich nicht ausprobieren, ob dieser Schachfreund zwei, drei, vier oder noch mehr Belehrungen braucht. Ich als Schiedsrichter würde hier bereits auf Partieverlust entscheiden. Es ist sowohl dem Gegner als auch unbeteiligten Spielern ganz sicher nicht zuzumuten, darauf zu warten, wie weit ein unfairer Spieler denn zu gehen bereit ist. Das gilt insbesondere dann, wenn ein Spieler sichtlich erregt ist. Es ist ja nun mal keine Atmosphäre für ein Schachturnier, wenn sich alle Aufmerksamkeit darauf richtet, ob jemand wieder explodiert.

Toiletten-Gate und was man daraus lernt!

Es begab sich zu der Zeit, als ein Schachfreund auf die Toilette musste. Die Brettstellung, die er veließ, war eindeutig: Egal, was sein 26 Jahre jüngerer Gegenüber zieht, der Jüngling war ohne Chance, der verteidigende Springer stand zwar nahe, aber auf dem falschen Feld, die Damenumwandlung des Notdurft geplagten Schachfreunds war nicht zu verhindern.

So konnte der in Ehren ergraute Schachfreund den langen Weg auf die Toilette und zurück in Erinnerungen schwelgen. Denn er kann auf Jahrzehnte lange Erfahrung im königlichen Spiel zurück blicken. Er gehörte zu den Spitzenspielern, war er doch ehemaliger Aachener Bezirksmeister, Kölner Stadtmeister und zweimal Kölner Vizemeister, Gewinner von weiteren 10 Stadtmeisterschaften in vier Städten, Badischer Mannschaftsmeister mit dem SC Donaueschingen, Gewinner des Coup du Rose von Burgund, Gewinner zahlreicher Blitzturniere, gut platziert bei internationalen Turnieren, gewann zwei erste Preise in Problem-Lösungsturnieren, wurde bei Großmeister-Simultanturnieren nur von Weltmeister Tal geschlagen (errang ein Remis gegen Kortschnoi, Gligoric, Geiler, Flohr, Stein, Keres und Pähtz und besiegte Pachmann, Szabo, Bagirov und Matanovic), organisierte einen Badischen Schachkongress mit 482 Teilnehmern, war 15 Jahre Vereinsvorsitzender des SC Donaueschingen und des SK Turm Emsdetten (unter seiner Ägide stieg die Frauenmannschaft in die 1. Bundesliga auf), war langjähriger Spielleiter, Pressewart und Jugendwart, leitete viele Schachkurse und war ein hervorragender Fernschachspieler. Kurz gesagt: Er ist ganz einfach jemand, der viel für das Schachspiel getan hat! Seine beste Wertungszahl betrug Ingo 64, was einer DWZ-Zahl von rund 2320 entspricht.

Im wahrsten Sinne des Wortes erleichtert, kam der Schachfreund zurück an sein Brett: Doch was sah er? Der gegnerische Springer stand um ein Feld verrückt und konnte nun die Umwandlung verhindern? Wie das, fragte der Ältere den Jüngeren?

Der antwortete, es wäre ihm doch sicherlich zuzutrauen, dass er wisse, wie ein Springer zöge!

Bei der FIDE heißt es: The knight may move to one of the squares nearest to that on which it stands but not on the same rank, file or diagonal. In deutscher Sprache: Der Springer darf auf eines der Felder ziehen, die seinem Standfeld am nächsten, aber nicht auf gleicher Linie, Reihe oder Diagonalen mit diesem liegen. Anmerkung der Redaktion: Im Schachunterricht sagen wir ganz einfach, der Springer zieht (er darf - als einziger - andere Schachfiguren überspringen) erst ein Feld gerade, dann schräg auf das nächste!

Da meinte der ältere Schachfreund, die Springerstellung müsste sich aus der Partienotation ergeben, man wolle das an einem anderen Brett prüfen. Zeit habe er noch jede Menge, aber zur Sicherheit sollen beide Uhren angehalten werden.

Gesagt, getan, aber die Springerstellung ließ sich dennoch nicht erklären?! Deshalb gab der in Erklärungsnot sich befindende Jüngling auf!

Etwas anderes hätte ein Schiedsrichter auch nicht gemacht, aber der ergraute Schachfreund hätte eine Zeitgutschrift von 5 Minuten oder der Jüngling eine entsprechende Zeitstrafe verdient!

Etwas anders verhielt es sich bei einem Mannschaftskampf vor langer Zeit. Ein ebenfalls in Ehren ergrauter Spieler kam zurück ans Brett und es stand ein längst geschlagener Turm wieder auf dem Brett. Wie konnte der vom Brettrand auf das Brett hüpfen? Die Gegnerin, eine junge Dame, wusste das auch nicht, aber wollte mit dem Turm weiter spielen. Als der legendäre Karl-Heinz Saffran (Gott hab ihn selig!), Schiedsrichter für alle stattfindenden Mannschaftskämpfe, gerufen wurde und er das Nachspielen der Partie in einem Nebenraum anordnete, gab die Junge Dame auf!

Lass doch mal das AMTSGERICHT entscheiden!?

Wie nach der mündlichen Verhandlung erwartet, gewann Bad Mergentheim den Prozeß gegen den Badischen Schachverband. Im Spiel Bad Mergentheim II - Eppingen III waren alle eingesetzten Spieler spielberechtigt. Daher muß das Ergebnis mit 5,5:2,5 gewertet werden. Die 2. Mannschaft wurde daher 6. in der Landesliga.

Geschäftsnummer: 5 C 105/07

Verkündet am 12.06.07

Hauth / Knebel als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle

Amtsgericht Karlsruhe

Abteilung A 5

Im Namen des Volkes

Urteil

In Sachen

Schachfreunde Anderssen Bad Mergentheim e.V., Boxberger Str. 42, 97980 Bad Mergentheim, vertr. durch d. Vorstandsvorsitzenden Kai Kluss

- Klägerin -

Prozessbevollmächtigte: Rechtsanwälte Pfleger & Gläser, Marktplatz 8, 97980 Bad Mergentheim , Gz.: 0149/07Z

gegen

Badischer Schachverband e.V., J. Plattmann Str. 6, 77948 Friesenheim, vertr. durch d.Präsidenten Fritz Meyer

- Beklagte -

Prozessbevollmächtigte: Rechtsanwälte Harsch & Kollegen, Kaiserstr. 49, 76437 Rastatt, Gz.: 200/07 E 02 sh

wegen Korrektur

hat das Amtsgericht Karlsruhe - Abteilung A 5 - durch Richterin am Amtsgericht Bracher auf die mündliche Verhandlung vom 08.05.07 sowie auf den bis 06.06.07 nachgereichten Beklagtenschriftsatz für Recht erkannt:

  1. Der Beklagte wird verurteilt, den Mannschaftskampf am 14. Januar 2007 in der Landesliga Heidelberg/Odenwald zwischen der zweiten Mannschaft des Klägers und dritten des Schachclubs Eppingen mit 5,5 und 2,5 für den Kläger zu werten und 50,00 € an den Kläger zu bezahlen.
  2. Der Beklagte trägt die Kosten des Rechtsstreits.
  3. Das Urteil ist gegen Sicherheitsleistung in Höhe von 110 % des zu vollstrecken­den Betrages vorläufig vollstreckbar.

Tatbestand:

Der Kläger wendet sich gegen eine Abänderung eines Spielergebnisses durch den Beklagten.

Der Beklagte, ein eingetragener Verein, ist innerhalb des deutschen Schachverbandes der für den Bereich Baden zuständige Schachverband. Der Kläger und der Schachclub Eppingen sind Mitglieder des Beklagten.

Im Verhältnis zwischen den Parteien gilt die Satzung des Beklagten, die Turnierordnung und Verfahrensordnung. Insoweit wird auf die Anlagen zur Klageschrift K 1 bis K 3 Bezug genommen.

Unter anderem enthält die Turnierordnung unter H-2.6 Ausführungen zur Mannschaftsaufstellung, zu den Ersatzspielern und zum Doppelspiel.

Beim Kläger sind die Spieler Kluss, Pfleger und Raps Mitglied. Der Spieler Kluss war 4 mal, der Spieler Pfleger 1 mal und der Spieler Raps 2 mal in der zweiten Bundesliga Süd der laufenden Spielsaison eingesetzt. Sie sind Ersatzspieler der ersten Mannschaft auf den Ranglisten 9,10 und 11. Sie waren zuletzt in der zweiten Bundesliga Gruppe Süd am 10.12.06 eingesetzt. Am 17.12.06 fanden wiederum Spiele statt, an denen die drei genannten Spieler nicht teilnahmen. Der nächste Spieltag war der 14.01.07, wo die drei genannten Spieler bei der zweiten Mannschaft des Klägers in der Landesliga Hei­delberg/Odenwald eingesetzt waren. Dieses Spiel gewann die zweite Mannschaft des Klägers mit 5,5 zu 2,5 gegen den Schachclub Eppingen. Der Regionalturnierleiter Herr Holzinger erkannte den Klägern die Punkte ab und wertete den Kampf 8 zu 0 zugunsten des Schachclubs Eppingen, weil ein unzulässiges Doppelspiel vorgelegen habe. Im öffentlichen Verbandsorgan des Beklagten und auf der Homepage des Beklagten sollten zuvor Sperrtermine veröffentlicht worden sein und zwar für den 14.01.07 und 11.03.07.

Gegen die Entscheidung des Regionalturnierleiters legte der Kläger Widerspruch zur Widerspruchsstelle Nord ein und bezahlte eine Widerspruchsgebühr nach der Verfah­rensordnung in Höhe von 50,00 €. Die Widerspruchsstelle gab dem Widerspruch des Klägers mit Datum vom 12.02.07 statt und wertete das Spiel mit 5,5 zu 2,5 zugunsten des Klägers.

Hiergegen legte der Schachclub Eppingen mit Datum vom 17.02.07 Berufung zum Tur­niergericht ein. Dieses gab mit Datum vom 28.02.07 der Berufung statt und wertete das Spiel mit 8 zu 0 zugunsten des Schachclubs Eppingen.

Der Kläger ist der Ansicht, dass ein Doppelspiel im Sinne von H-2.6.2 der Turnierord­nung nicht vorgelegen habe. Der 14.01.07 sei kein Sperrtermin im Sinne der Turnierord­nung gewesen. Der Regionalturnierleiter sei nicht berechtigt gewesen, Sperrtermine festzulegen, die im übrigen nicht veröffentlicht gewesen seien. Die drei Spieler aus der ersten Mannschaft seien berechtigt gewesen, beim Spieltag 14.01.07 teilzunehmen, da der 10.12.06 zum 17.12.06 gemäß H-2.6.2 zugehörig gewesen sei. Am 17.12.06 hätten diese drei Spieler nicht gespielt, so dass sie zum Mannschaftskampf spielberechtigt gewesen seien und kein Doppelspiel vorgelegen habe.

Auch der Turnierleiter selbst sei für die Festlegung eines Sperrtermins nicht zuständig gewesen.

Der Kläger beantragt:

Der Beklagte wird verurteilt, den Mannschaftskampf am 14. Januar 2007 in der Landes­liga Heidelberg/Odenwald zwischen der zweiten Mannschaft der Klägerin und dritten Mannschaft des Schachclubs Eppingen mit 5,5 zu 2,5 für den Kläger zu werten und € 50,00 an die Klägerin zu zahlen.

Der Beklagte beantragt: Die Klage wird abgewiesen.

Der Beklagte trägt vor, dass der überregionale Turnierleiter Breidohr und regionale Tur­nierleiter Herr Holzinger die Sperrtermine festgelegt hätten. Die Verkündung sei im öf­fentlichen Verbandsorgan des Beklagten und auf der Homepage des Beklagten erfolgt. Die Ermächtigung hierzu egebe sich aus der Präambel 01 zur Satzung. Dem Turnierlei­ter obliege nach A.-3.1 der Turnierordnung auch die Durchführung der Meisterschaften. Demzufolge sei er auch berechtigt, Sperrfristen festzusetzen und Spieltermine zu re­geln. Der Landesturnierausschuss habe auf eine Regelung verzichtet und damit dem Turnierleiter indirekt die Ermächtigung übertragen. Im übrigen sei auch der Vertrauens­schutz gegenüber den restlichen Mannschaften zu berücksichtigen, die auf die Recht­mäßigkeit der Sperrtermine vertraut hätten.

Hinzu komme, dass der Kläger gegen die Veröffentlichung keinen Protest eingelegt ha­be, was die Verfahrensordnung jedoch vorschreibe.

Wegen der weiteren Einzelheiten des Vorbringens wird auf die gewechselten Schriftsät­ze nebst aller Anlagen Bezug genommen.

Entscheidungsgründe:

Die Klage ist zulässig und auch begründet.

Bei der vom Kläger angegriffenen Entscheidung des Beklagten handelt es sich um eine Entscheidung eines Verbandsgerichtes, d. h. eines verbandsinternen Organs, dem in Ausübung der autonomen Verbänden zustehenden Befugnis zur inneren Selbstorgani­sation die Zuständigkeit zur Entscheidung über die Verhängung von Ordnungsmaßnah­men gegenüber der Verbandsstrafgewalt unterworfenen Personen zugewiesen ist.

Die ordentlichen Gerichte kontrollieren die Entscheidung auf ihre Begründetheit im Ge­setz und in wirksamen - ihrerseits der Inhaltskontrolle auf ihre Angemessenheit unter dem Gesichtspunkt von Treu und Glauben unterliegenden - Bestimmungen des maß­geblichen verbandsinternen Regelwerks und überprüfen sie auf Einhaltung eines ele­mentaren, rechtsstaatlichen Normen und die eigene Verfahrensordnung des Verbandes einhaltenden Verfahrens, auf Fehlerhaftigkeit der Tatsachenermittlungen (LG Stuttgart, SpuRt 2002, Seite 245 ff. m. w. N.).

Unter Zugrundelegung dieses Prüfungsmaßstabes ist die Entscheidung des Turnierge­richts nicht rechtmäßig.

Für die Wertung des Spiels vom 14.01.07 mit 8 zu 0 zugunsten des Schachclubs Eppin-gen und zulasten des Klägers fehlt es an einer rechtlichen Grundlage. Ein unzulässiges Doppelspiel im Sinne von H-2.6.2 der Turnierordnung lag nicht vor. Ein Doppelspiel und damit eine unzulässige Einsetzung der Spieler Kluss, Pfleger und Raps hätte nur dann vorgelegen, wenn der 14.01.07 zu einem Spielwochenende im Sinne von H-2.6.2 mit dem 10.12.06 gehört hätte.

Nach Satz 3 der genannten Bestimmung gehören die planmäßig zwischen zwei Spiel­wochenenden der badischen Klassen liegenden Spiele jedoch zu den späteren dieser Wochenenden, so dass der 10.12.06 zum 17.12.06 dazugehörte. Am 17.12.06 haben die drei genannten Spieler nicht gespielt, so dass sie nach der Turnierordnung des Beklagten am 14.01.07 spielberechtigt waren.

Daran ändert auch nichts die von dem Beklagten behauptete Veröffentlichung von Sperrterminen im öffentlichen Verbandsorgan und auf der Homepage des Beklagten über einen Sperrtermin für den 14.01.07.

Dem Gericht wurden keine Kopien aus der Verbandszeitung oder der Homepage des Beklagten vorgelegt, aus denen sich die diesbezügliche Behauptung des Beklagten, wonach Sperrtermine veröffentlicht worden seien, ergeben könnte. Unabhängig davon war, ob dies nun der überregionale Turnierleiter Breidohr oder der regionale Turnierleiter Holzinger gewesen ist, keiner dieser Beiden berechtigt, soge­nannte „Sperrtermine" festzulegen.

Eine Ermächtigung des Turnierleiters, sei es regional oder überregional hierzu ergibt sich nicht aus der Satzung oder der Turnierordnung des Beklagten. Die vom Beklagten als Ermächtigungsgrundlage angeführte Präambel der Turnierord­nung vermag eine Ermächtigung der Turnierleiter zur Festlegung von Spielterminen im Sinne von Sperrterminen nicht zu begründen. Die Präambel enthält lediglich allgemeine Aussagen über die Regeln, jedoch keine konkrete Bestimmung darüber, welcher Ent­scheidungsträger für die Festlegung von Spielterminen berechtigt wäre. Hierzu legt vielmehr H-2.5 der Turnierordnung fest, dass die Spieltermine vom Landespielaus-schuss festgelegt werden.

Soweit der Beklagte der Ansicht ist, dass der Landesturnierausschuss durch Verzicht auf eine Regelung dem Turnierleiter indirekt die Aufgabe zur Festlegung von Sperrter­minen übertragen habe, so kann das Gericht dieser Ansicht nicht folgen. Es ist nicht ersichtlich, inwieweit der Landesturnierausschuss die Festlegung von der Turnierordnung widersprechenden Sperrterminen als erforderlich angesehen haben könnte und inwieweit der Landesturnierausschuss daraus folgend einen Verzicht zur Durchführung eine Regelung erklärt haben sollte.

Allein daraus ergäbe sich auch noch keine auf die Turnierleiter übertragende Ermächti­gung zur eigenständigen Regelung dieser Aufgaben.

Eine Ermächtigung des Turnierleiters zur Festlegung von Sperrterminen ergibt sich auch nicht aus A-3.1 oder A.-7.2 der Turnierordnung. A-3.1 regelt lediglich, dass die Turnier­leitung bei Meisterschaften der Landesliga den regionalen Turnierleitern obliegt. In A-7.2 ist festgelegt, dass die Bezirke ihren Spielbetrieb selbst durch eine Bezirkstur­nierordnung regeln, die Abweichungen auch erlaubt von Spielterminen am Spielwowochenende Damit ist jedoch keine Ermächtigung des regionalen Turnierleiters verbunden selbst Sperrtermine, durch welche rechtliche Handlung auch immer, festzulegen. Eine Zuständigkeit für eine derartige Handlung ergibt sich aus A-7.2 lediglich für den Bezirk, der Abweichungen durch eine Bezirksturnierordnung zu regeln hat, der eine Ve­röffentlichung von Sperrterminen in einer Verbandszeitschrift oder auf der Homepage des Beklagten nicht entspräche. Eine Bezirksturnierordnung kann lediglich durch den Bezirk und dort durch das zuständige Organ beschlossen werden, was sich aus der Turnierordnu ng nicht ergibt, jedoch keinesfalls der regionale Turnierleiter als alleinent­scheidende Person sein kann.

Im Übrigen ist die Turnierordnung bezüglich des von dem Beklagten gerügten Doppel­spiels auch eindeutig.

Nach den Bestimmungen der Turnierordnung H-2.6.2 lag ein Doppelspiel seitens des Klägers am 14.01.07 durch Einsetzung der drei genannten aus der ersten Mannschaft stammenden Spieler nicht vor, da diese im Sinne der Turnierordnung spielberechtigt waren. Die Turnierordnung bedarf insoweit keiner Auslegung, sie ist klar und eindeutig. Soweit der Beklagte rügt, der Kläger habe gegen die Entscheidung des Turnierleiters keinen Protest eingelegt, was der Verfahrensordnung widerspräche, so fehlt es zu­nächst an einer rechtlich bindenden Entscheidung des Turnierleiters. Zunächst ist nicht eindeutig klar dargelegt, welcher Turnierleiter, der überregionale oder der regionale Sperrtermine festgelegt hat und durch welche rechtsverbindlich vorge­nommene Entscheidung dies letztendlich geschehen ist.

Hinzu kommt, dass zur Einhaltung der in § 1.3.1 der Verfahrensordnung geregelten Frist von 1 Woche die Kenntnisnahme einer Entscheidung des Turnierleiters zur Einhaltung einer Protestfrist seitens des Klägers erforderlich wäre. Eine Kenntnisnahme des Klä­gers ist nicht ersichtlich. Im Übrigen spricht die Verfahrensordnung von einer Entschei­dung und nicht von der von der Beklagten behaupteten Veröffentlichung in einer Zeit­schrift.

Auch der vom Beklagten angeführte Vertrauensschutz zugunsten der übrigen Mann­schaften, die auf die Rechtmäßigkeit der Sperrtermine vertraut hätten, führt nicht zu ei­ner anderweitigen Entscheidung. Das Vertrauen in rechtswidrige Entscheidungen ist nicht geschützt.

Die vom regionalen Turnierleiter und vom Turniergericht des Beklagten ausgesprochene Wertung des Spiels von 8 zu 0 zugunsten des Schachclubs Eppingen ist daher nicht rechtmäßig und war auf den Antrag des Klägers auf das tatsächliche Spielergebnis hin abzuändern.

Gemäß Ziffer 1.7 der Verfahrensordnung ist der Beklagte verpflichtet, die Widerspruchsgebühr zurück zu erstatten, da das Rechtsmittel des Klägers insoweit Erfolg hat­te.

Die Nebenentscheidungen beruhen auf §§ 91, 709 ZPO.

Bracher

Richterin am Amtsgericht

Klischees oder wie man beim Schach bescheißt?

Herr S. ist ein begeisterter Amateurspieler. Turnierschach spielt er erst seit zwei Jahren, war schon über 40, als er begonnen hat, sich intensiver mit der Materie auseinanderzusetzen. Er ist seither ein engagierter und ernsthafter Schachspieler, der nach einem harten Arbeitstag noch Stundenpartien im Internet spielt, Bücher liest, sich ein Eröffnungsrepertoire zusammengestellt hat und regelmäßig mit einem Bundesliga-Trainer aus seinem Verein übt. Zwei- bis dreimal im Jahr spielt Herr S. ein Turnier, nimmt sich dafür einen Großteil seines Jahresurlaubs, nimmt die Kosten für Startgeld, Unterkunft und Reise auf sich.

Letztens schrieb er sich fürs Pfalzopen in Neustadt an der Weinstraße ein und ging motiviert in die erste Runde des B-Turniers. Seine Turnierwertungszahl lautete 1317 – seine Elozahl von 1630, die aus nur wenigen Partien zustande kam, wurde nicht zu Rate gezogen. Die „Wahrheit“ liegt wohl irgendwo dazwischen, schon öfters hat er Spielern mit 1800 ein Remis abgeknöpft, aufgrund seiner mangelnden Turnierpartien sind seine Leistungen wechselhaft, aber seine Fortschritte in Spielverständnis und Schachkultur offenkundig. Desöfteren „wundern“ sich seine Gegner, warum er so gut spielen würde, viel besser, als es seine Zahl vermuten ließe. Manche beschimpfen ihn gar deswegen, fühlen sich „betrogen“,  weil ihre Erwartungshaltung seiner Spielstärke(-schwäche!) ihre Konzentration trübe! Regelmäßig bekommt er Remisangebote, obgleich er einen Bauern oder gar eine Figur mehr hat. Wenn die Leute zu verlieren drohen, klammern sie sich an jeden Strohhalm…

Nun aber zur 1. Runde beim Pfalzopen: Dieses verzeichnete einen regen Publikumsandrang, Rekordteilnehmerzahl! Die Berufsbildende Schule, ohnehin räumlich sehr eng bemessen, platzte aus allen Nähten, schlechte Luft. Kein Durchkommen bei der Begrüßungsansprache, Drängeln. Herr S. zog es vor, das Treiben aus der Ferne zu beäugen, die Kräfte für die bevorstehende Abendpartie, die ja bis Mitternacht gehen konnte, zu schonen.

Dann ging es los, Herr S. führte die weißen Steine gegen einen 15jährigen Jugendlichen, Philipp R., der mit knapp 1700 der Favorit in dieser Begegnung war.

Bevor es losging, machte Herr S. sein Handy „unschädlich“. Vor den Augen des Gegners nahm er den Akku aus dem Gerät, steckte ihn in seine Hosentasche und das Handy in die Innentasche seines Wintermantels, den er in der Ecke des Raumes an eine Garderobe hängte, etliche Meter vom Brett entfernt. Herr S. hielt diese Vorkehrungen für absolut ausreichend, machte sich keine weiteren Gedanken und eröffnete mit 1.d4. Alsbald entstand das Sämisch-System gegen Königsindisch, das er sich als Repertoire angeeignet hat: 1. …Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.f3 0-0 6.Le3 e5 7.d5 Se8. Hier endeten seine Theoriekenntnisse, er spielte 8.Sge2 f5 9.g3!?, sicherlich nicht ideal oder theoretisch, doch durchaus plausibel. Sein jugendlich übermütiger Gegner, der zu ziemlich flottem Zugtempo neigte, versuchte sogleich eine Attacke in der f-Linie: 9. …Df6 10.Dd2 fxe4 11.fxe4 Df3 12.Tg1
Und hier packte das Jungtalent eine „Keule“ aus: 12. …Lh6??! Das schockierte Herrn S. zunächst, aber wie er die Sache näher betrachtete, wunderte er sich nur, was sein Gegner beabsichtigte. Er zog – es gab auch nichts anderes – 13.Lxh6 Df2+ 14.Kd1 Dxg1 15.Sxg1 Txf1+ 16.Kc2 Txa1

Materiell ist es ja recht ausgeglichen, zwei Türme für die Dame. Aber! Schwarz ist ziemlich unterentwickelt, und seine Königsstellung … hier kam Herr S., der inzwischen mehr als eine halbe Stunde Bedenkzeit verbraucht hatte, sein Gegner dagegen noch keine 10 Minuten, eine gute Idee: 17.Dg5! mit offenkundigen Drohungen gegen e7 und d8. Sein Gegner fasste sofort nach seinem Turm und fraß in Windeseile den Springer. Materialgierig eben: 17. …Txg1??, doch nach 18.De7 wurde er unruhig. Wenig später verließ der junge Mann das Brett, obgleich er am Zug war. Herr S. hatte schon mitbekommen, dass sich sein Gegner desöfteren mit seinem im Hintergrund mitfiebernden Vater beriet. Herr S. betrachtete die Stellung, und es wurde ihm zu seiner Zufriedenheit immer klarer, dass das Matt nicht mehr zu verhindern war.

Weitere Minuten vergingen, dann sah Herr S. seinen Gegner wieder nahen. Im Schlepptau seinen Vater und ein weiterer Mann, der sich als Schiedsrichter entpuppte. Der Schiedsrichter trat an Herrn S. heran mit den Worten: „Ihr Gegner behauptet, Sie würden ein Handy mit sich führen. Trifft das zu?“

Wahrheitsgemäß antwortete Herr S., dass er den Akku, den er dem Handy entnahm, in der Hosentasche hätte, und sich das Gerät im Mantel an der Garderobe befände. Auf Anweisung des Schiedsrichters zeigte er diesem die Gegenstände. „Sie wissen, dass Sie kein Handy mit sich im Turniersaal führen dürfen?“ „Nein, mir ist nur bekannt, dass man verliert, wenn es klingelt. Es ist ausgeschalten und funktionsunfähig.“ „Schon das Mitführen des Handys führt zu Partieverlust“ blieb der Schiedsrichter unbeirrt, „das hätten Sie wissen müssen, wir haben es bei der Turniereröffnung mitgeteilt.“ „Ich war aber nicht bei der Eröffnungsveranstaltung. Es war zu eng, man hat nichts gehört.“ Herr S. versuchte, den Schiedsrichter von seinem unlauteren Verhalten zu überzeugen. Er wies auch darauf hin, dass sein Gegner sich mehrmals vom Brett entfernte und sich mit seinem Vater unterhielt bzw. Tipps einholte, während er sich in der knappen Dreiviertelstunde, die die Partie bislang dauerte, nicht vom Brett rührte.

Es gab Diskussionen, das Schiedsrichterteam zog sich für eine Weile zur Beratung zurück. Dann der Bescheid des Schiedsrichters: Es täte ihm sehr leid, auch in Anbetracht der Tatsache, dass Herr S. völlig auf Gewinn stünde und offenkundig nicht betrogen und ehrlich geantwortet hatte, aber „Regel sei Regel“, ihm seien „die Hände“ gebunden. Die Partie müsse für Herrn S. genullt werden.

Eine herbe Enttäuschung für unseren Hobbyspieler, der in die Fänge eines absurden Regelwerks geriet. Herr S. beließ es dann auch auf sich, „schluckte“ die bittere Pille, und nahm es als „Erfahrung“. Aber was ist das nur für eine desillusionierende Erfahrung?!?!

Andere Schachschiedsrichter sind keinesfalls der Ansicht, dass man „Schwamm drüber“ sagen und zur Tagesordnung übergehen sollte. Nein, ihres Erachtens gehört dieser Fall an die Öffentlichkeit! Denn der Fall könnte „Schule machen“, Denunziationen an den Open zur Tagesordnung werden.

Denn betrachten wir nochmal, welche Art von „Gerechtigkeit“ obsiegte: Der Schiedsrichter sprach Herrn S. explizit mit den Worten an: „Es wurde behauptet, Sie würden ein Handy mit sich führen“.

Das war es, was der halbwüchsige Denunziant an den Schiedsrichter herantrug, nach Beratung mit seinem fürsorgenden Vaterkomplizen: Er sagte nicht: „Ich glaube, mein Gegner betrügt mit einem Handy.“ Nein, er sagte nur: „Mein Gegner führt ein Handy bei sich.“ Weil er gesehen hatte, wie Herr S. es „wegschloss“. Weil er von der Regel gehört hatte, dass die bloße Anwesenheit eines Handys zu Partieverlust führen würde. Und weil er sich nicht mehr anders zu helfen wusste, denn er stand ja auf Matt! Um den eigenen Kragen zu retten, ist die heutige Jugend also durchaus bereit, andere an den Pranger zu stellen. Was aber der Gipfel der Krönung ist: Sie werden von ihren überehrgeizigen Eltern dazu ermuntert, unbescholtene Amateure anzuschwärzen! Wo es um DWZ-Punkte geht, ist einem jedes Mittel recht! Und das Traurige dabei: Der Schiedsrichter bestraft den, der fair spielt, und gibt dem den Punkt, der die Konsequenzen seiner Fehler nicht zu tragen bereit ist. Der viel zu schnell – und offensichtlich zu arrogant - spielt, seinen Gegner nicht „ernst“ nimmt, zudem den nötigen Respekt missen lässt. Der falsch kombiniert, und dafür noch den sportlichen Erfolg bekommt.

Früher war Schach noch eine Art „Charakterschule“. Dadurch, dass es einen zur Objektivität zwingt, müssen wir lernen, uns selbst und die Gegner objektiver einzuschätzen. Die Fähigkeit zur Selbstkritik war ein wichtiger Weg zum Besserwerden. Wir verlieren, weil wir Fehler machen, etwas falsch einschätzen. Aber wo bleibt der Lerneffekt, wenn fehlerhaftes Spiel mit Punkten belohnt wird?

Wir leben in einer Generation der „Prinzen“. Die Prinzengruppe im Schach steht für talentierte junge Spieler, die gezielt gefördert wurden. In den meisten Familien gibt es heutzutage „Prinzen“, oder solche, die es werden sollen, wenn es nach dem Wunsche der Eltern ginge. Und diese potentiellen Prinzen werden verwöhnt, verhätschelt, gepuscht. Jegliches Ungemach wird von ihnen ferngehalten, sie lernen es nicht, die Konsequenzen auszuhalten – schlechte Züge, die eigentlich die Niederlage verdienen, werden konterkariert.

Auch die Wissenschaft und die Medien beobachten vermehrt das Phänomen, dass Kinder verhätschelt und zum Narzissten herangezogen werden.

Für Schach in der Schule wird vielfach geworben, auch Exweltmeister Kasparow engagiert sich viel in diverse Projekte. Der Gesellschaft soll vermittelt werden, warum es sinnvoll ist, als Heranwachsender Schach zu spielen. Weil man dadurch Fähigkeiten – heute heißt es Kompetenzen, gar „Kernkompetenzen“ – erlernen, einüben kann. Sei es logisches Denken, die bildhafte Vorstellung,  Willensfähigkeit, Selbstbeherrschung. Auch die objektive Einschätzung von Situationen wurde früher immer gern genannt, im Bemühen, den Stellenwert des Schachs in der Gesellschaft zu mehren.
Doch mittlerweile scheint vor allem eins gefragt, der Erfolg: „Junge Leute, spielt Schach! Da lernt ihr schon früh, wie man sich Vorteile verschafft, sich durchsetzt. Begreift, dass nur der Erfolg zählt! Und bloß keine Rücksicht! Lernt, euch zu behaupten, das Leben ist ein Kampf, und Ellbogen sind gefragt!“ Das wär doch mal ein toller Werbeslogan. Und die Eltern lassen sich so überzeugen: „Hatten Sie schon immer das Gefühl, dass Ihr Kind das Schlauste von allen ist? Haben Sie auch einen Prinzen, der es verdient, richtig groß rauszukommen? Im Schach kann Ihr Zögling endlich zeigen, was in ihm steckt! Und der Erfolg wird auf Sie zurückfallen!“      

Um noch auf den/die Schiedsrichter zurückzukommen. Das Totschlagargument heißt dann immer „uns sind die Hände gebunden“.

Stimmt das wirklich?
Ein FIDE-Schiedsrichter sieht sehr wohl Möglichkeiten zur Interpretation in den Statuten der FIDE, die dem Schiedsrichter Eigenverantwortung bieten, die ein fallgerechtes Abwägen erlauben. So steht in  Art. 11.3 b [...] „wenn es offenbar ist, dass ein Spieler ein solches [z. B. Handy] Gerät in das Turnierareal gebracht hat, verliert er die Partie. [...] Das Turnierreglement kann eine weniger strenge Bestrafung vorsehen.“ Gerade dieser Nachsatz lässt dem Schiedsrichter Freiheiten. Offenkundig wird dieser von vielen Schiedsrichtern überlesen.

Oder unter Art. 12.2 steht: Der Schiedsrichter sorgt für faires Spiel und handelt im besten Interesse der Veranstaltung. Man muss also nicht strikt Regeln befolgen – was für die Schiedsrichter freilich oft das einfachste wäre! – sondern ist gar angehalten zum Abwägen, zum eigenverantwortlichen Entscheiden im Sinne von fair-play und zum Wohle der Gesamtveranstaltung. Hinsichtlich beider Punkte trafen die Schiedsrichter in Neustadt nicht die richtige Entscheidung: Es scheint nicht besonders fair zu sein, den, der auf Matt steht und offenkundig eine Ausflucht sucht, zu belohnen. Auch muss man nicht in der 1. Runde eines B-Opens drastische Strafen aussprechen, wenn Strapazen wie –Anreise am Freitagabend, -Spielen zu später Stunde, Gedränge im engen Turnierort etc., an den Nerven der Teilnehmer zehren. Herr S. wird nach dieser Erfahrung höchstwahrscheinlich nicht mehr am Pfalzopen teilnehmen, man vergrault Teilnehmer – das kann unmöglich im besten Interesse der Veranstaltung gehandelt sein!

Zudem gibt es den Paragraphen Art. 11.3 a) Während des Spielverlaufs ist es den Spielern verboten, [...] Informationsquellen oder Ratschläge zu benutzen [...]. Mit gleichem Recht hätte der Schiedsrichter darauf beharren können, denn offenkundig nahm der Jugendliche Rat von seinem Vater an und suchte während der Partie nach dessen Unterstützung.

Kurzum: Es gab einige Interpretationsmöglichkeiten, dem Schiedsrichter waren die Hände mitnichten gebunden. Fingerspitzengefühl wäre bitter nötig gewesen. An den wichtigsten Parametern, die ein Schiedsrichter zur Grundlage seines Handelns machen sollte, mangelte es: Abwägen und Verhältnismäßigkeit.

Der Schiedsrichter hat auch eine Vorbildfunktion: Er steht für Fairness und korrektem, respektvollen Umgang am Brett. So gesehen hat er mit dieser Entscheidung, die jedes Verständnis von Fairplay auf den Kopf stellt, seinem Berufsstand einen Bärendienst erwiesen. Wenn schon die Eltern dazu nicht fähig sind, sollten wenigstens die Schiedsrichter dafür sorgen, dass die Heranwachsenden eine Vorstellung von ethischem Empfinden entwickeln können. Jenseits der Komfortzone einer heilen Prinzenwelt, auch wenn`s mal weh tut. Denn Frustrationstoleranz ist eine „Kernkompetenz“, die Ihrem Kind später einmal zum Vorteil gereichen könnte!

Wie würden Sie entscheiden?

Mannschaftskampf: Weiß gewinnt die Dame, sein zwei-zügiges Mattsetzen von Schwarz steht bevor. Und nun lässt der Schwarze für die kommenden / verbleibenden 90 Minuten seiner Bedenkzeit die Uhr laufen: Setzt sich nicht mehr ans Brett, läuft herum, guckt einer anderen (der letzten noch laufenden) Partie zu. Somit war Weiß gezwungen, knapp eineinhalb Stunden herumzulungern; schlimmer noch, die Fahrgemeinschaft aus weiteren drei Spielern musste mit ihm warten.

Anfragen beim Schwarzspieler sowie dessen Mannschaftsführer blieben wirkungslos - die Uneinsichtigkeit obsiegte über das Fairplay. Da verblasst auch der Hinweis, dass Schwarz schlichtweg „das Recht“ hat, so zu agieren und letztlich „alles regelkonform“ zuging. Der eigenen Mannschaft des Schwarzspielers war dies selbstverständlich bewusst und ebenso selbstverständlich peinlich – dies wurde während und nach dem Mannschaftskampf von diesen auch offen bekundet (denn „eigentlich ist der gar nicht so“; allerdings ist auch schwer zugänglich, dass dies tatsächlich der erste „Ausrutscher“ dieser Art gewesen sein soll)!

Nun ist der Schwarzspieler kein Kind mehr, sondern ein erwachsener Familienvater (also eigentlich jemand, dem man eine "gereifte Persönlichkeit" zurechnen würde), dessen Sohn selbst Schach-Sportler ist. Dementsprechend muss ein solches Verhalten mit der Bezeichnung "Armutszeugnis" in Verbindung gebracht werden. Selbstverständlich bleibt dies nicht nur auf den zweifelhaften Charakter der Einzelperson beschränkt, sondern färbt auch auf den Verein und den Schachsport selbst ab: Wer will gegen so eine Person spielen? Wer will so eine Person in seiner Mannschaft haben? Welcher Nachwuchsspieler möchte einmal genau so werden? Freiwillige vor!

Eine Meinung dazu:
Das Verhalten des Spielers gefiel und gefällt überhaupt nicht. Aber als Mannschaftsführer und Schiedsrichter ist es mein Job, auf die Einhaltung der Schachregeln zu achten, nicht weniger aber auch nicht mehr. Ein Regelverstoß lag aber nicht vor, insbesondere auch nicht nach dem hier anzuführenden Artikel 11.1 . Was dem Ansehen des Schachspiels abträglich ist, bestimmt nämlich nicht Adam Riese oder Eva Zwerg, sondern ist nach objektiven Kriterien zu beurteilen. Danach ist z. B. abträglich, Figuren durch den Turniersaal zu schmeißen oder den Gegner oder das Schachspiel allgemein zu beschimpfen, oder sich sonst daneben zu benehmen. Dem Schachspiel abträglich kann aber kein Verhalten sein, was den Regeln entspricht.

Vorliegend schöpft der Schwarze lediglich den Schachregeln entsprechend seine Bedenkzeit aus. Was er damit macht, ob er nachdenkt, aus dem Fenster schaut oder sonstige der Psychohygiene dienende Tätigkeiten ausführt, ist allein seine Sache; es gibt auch Leute, die ewig auf Toilette gehen oder raus zum Rauchen (letzteres ist allerdings eigentlich nur mit Erlaubnis des SR zulässig), wollt Ihr die auch alle bestrafen? Ich vermute mal, er brauchte einfach Zeit, um sich damit abzufinden, dass er gerade die total remisige Stellung und den Mannschaftskampf in den Sand gesetzt hat. Manche brauchen weniger, manche mehr Zeit, sich nach so einer Situation wieder zu fangen. Wir sind keine Computer, sondern alle nur Menschen mit Gefühlen, mit denen man fertig werden muss. Ich habe unserem Spieler gesagt, dass man über sein Verhalten verbittert sei, was ich gut verstehen könne. Mehr zu tun, wäre eine unzulässige Einflussnahme. Wenn ein Mannschaftsführer oder gar Schiedsrichter einem Spieler ein bestimmtes Verhalten vorschreibt, setzt er sich selbst zurecht dem Vorwurf eines Regelverstoßes aus.

Zweite Meinung dazu:
Die Schiedsrichter-Ausbildung in ihren Lehrgangsmaterialen weist ausdrücklich darauf hin, dass die Gegensätze "fair und unfair" nicht (zwingend) deckungsgleich mit "regelkonform und regelwidrig" sind. Das "Verstecken" hinter der Regelkonformität entbindet daher nicht zwangsläufig von Artikel 11.1 in Verbindung mit Artikel 12.9. Zunächst würde ich als SR kurz nachfragen, warum die Person sich so verhält. Es hat zunächst den Anschein, dass der Spieler kein Interesse an der Fortführung der Partie hat, sondern im Wesentlichen den Gegner ärgern will. Um hier Klarheit zu haben, hätte ich den Gegner möglichst unter vier Augen gefragt, warum er sich so verhält. Wenn es wirklich um das Thema geht, dass der plötzliche Verlust noch nicht verdaut wurde, habe ich so zumindest eine Chance, positiv auf die Situation einzuwirken. Allgemein bekomme ich Hinweise, ob der Spieler die Partie ernsthaft weiter führen will und nur kurz eine Ablenkung benötigt oder ob förmlich ein gedanklicher „Tilt“ vorliegt. Sofern keine sinnvolle Antwort kommt, würde ich wegen Artikel 11.1 die Regel 12.9 c nutzen und die Zeit auf 5 Minuten setzen.

Wieso komme ich zu dieser Bestrafung? Zunächst verweise ich auf das Vorwort der FIDE Regeln, dort steht: „Eine allzu detaillierte Regelung könnte dem Schiedsrichter die Entscheidungsfreiheit nehmen und ihn somit daran hindern, eine sportliche, logische und den speziellen Gegebenheiten angemessene Lösung zu finden.“ Mit diesem im Hintergedanken lege ich Artikel 11.1 (Die Spieler dürfen nichts unternehmen, das dem Ansehen des Schachspiels abträglich sein könnte) so aus, dass ich den Sachverhalt "die Bedenkzeit nur zu nutzen, um den Gegner zu ärgern" als abträglich unsportlich interpretiere.

Dieser Fairplay-Paragraph ist zwar schwach formuliert, aber wie soll es auch anders gehen?! Eine lückenhafte Aufzählung oder gar überhaupt kein Paragraph dieser Art wäre aus meiner Sicht keine sinnvolle Lösung. Siehe erneut den Verweis zum Regel-Vorwort. Wie sollte ich also handeln? Hier kommt Artikel 12.2 (Der Schiedsrichter handelt im besten Interesse der Veranstaltung) ins Spiel, wodurch ich eine Bestrafung aus dem Katalog von 12.9 nutze, der mir passend erscheint. Ein Herabsetzen der Bedenkzeit auf 5 Minuten dient dazu, das Kerninteresse der Veranstaltung zu wahren, eine Auflösung der verfahrenen Situation herbeizuführen und dabei immer noch dem Spieler alle Möglichkeiten offen zu lassen, die Partie selbst zu beenden oder einfach nur noch ein paar Züge zu absolvieren.

Und auch wenn das Wort „Bestrafung“ hart klingt, muss man die Kirche im Dorf lassen, immerhin wurde hier keine Strafe gewählt, die den voraussichtlichen Verlauf bzw. das Ergebnis der Partie entscheidend verändert, sie beschleunigt lediglich.

 

Übungsfälle aus der Praxis zur Turnierleiter- und Schiedsrichterausbildung

2007

2008

2010

2011 bis 2016